Wien – die Kaffeestadt

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Klick: Der Thonet-Stuhl ist die klassische Moblierung des Wiener Kaffeehauses

Das Wiener Kaffeehaus und seine (Literaten-) Kultur ist legendär, oft zitiert und von vielen Besuchern selbst erlebt worden.
Die Ursprünge sind mit Legenden behaftet, die heute aus Gründen des touristischen Stadtmarketings gerne am Leben erhalten werden.

 

Wien lag während der sogenannten Türkenkriege auf der Expansions-Linie des osmanischen Reiches und war schon lange orientalischen Einflüssen und damit auch der Suggestion des Kaffeeduftes ausgesetzt. Österreich-Ungarn und die Habsburger waren die Grenzregion zum »Erzfeind« und »Antichrist« und so entstand während der zweiten Belagerung Wiens durch die Osmanen die Story vom mutigen Kundschafter Kolschitzky, der, orientalisch gewandet und des türkischen mächtig, die Linien durchdrang und das polnische Heer unter König Sobielsky rechtzeitig zur belagerten Stadt führte.

Die Legende vom »ersten« Wiener Kaffeehaus

Die vernichtende Niederlage vor Wien 1683 läutete den Anfang vom langen Ende des osmanischen Reiches ein. Kolschitzky wurde zur Hauptperson der sich daran anschließenden Kaffeelegende.

Bereits Jahre zuvor lagerte eine osmanische Gesandschaft mit prächtigen Zelten in einem Feldlager vor Wien. Damals ging es noch um Friedensverhandlungen. Die Wiener hatten ausreichend Gelegenheit ihre Neugier nach der sprichwörtlichen orientalischen Prachtentfaltung zu befriedigen und pilgerten zu hunderten oder gar tausenden vor die Tore der Stadt und inspizierten das Feldlager. Dabei können sie unmöglich die dutzenden »Khavehueci«, die türkischen Kaffeeköche, übersehen haben, die in und vor besonderen Zelten grüne Rohkaffeebohnen rösteten und auf türkisch/osmanische Art großen Kannen Kaffee zubereiteten.

Ausserdem ist die Situation im Grenzbereich zweier großer Reiche – dem Habsburger und dem Osmanischen – immer vom tagtäglichen intensiven Austausch und gegenseitigem Handel geprägt. Man muß also davon ausgehen, daß die Sitte des Kaffeetrinkens nicht mit dem Paukenschlag der osmanischen Niederlage auf einmal in Wien einsickerte. Dokumente aus der Zeit vor der Belagerung zeigen das auch.

Der Kaffeewirt Kolschitzky als Türke verkleidet in dem angeblich ersten Wiener Kaffeehaus „Zur blauen Flasche“. Er soll als Belohnung für seine Kundschafterdienste eine große Menge erbeutete Rohkaffeebohnen erhalten haben, die man zuvor für Kamelfutter hielt. Da er sich auskannte war ihm sofort klar, daß er mit dem Kamelfutter einen Fitsch machen würde. 1862 wurde die Liniengasse in Wien-Wieden in Kolschitzkygasse umbenannt. Am Eckhaus Kolschitzkygasse/Favoritenstraße befindet sich das Kolschitzky-Denkmal, das am 12. September 1885, dem Jahrestag der Schlacht am Kahlenberg, enthüllt wurde.

Anna-Maria Seibel schreibt in ihrer Diplomarbeit 2008:

»Vom Mittelalter an bis zum Ende der Donaumonarchie und darüber hinaus haben Griechen oder Angehörige des griechischen Kulturkreises immer wieder eine große Rolle gespielt, denken wir nur an die Vermittlung byzantinischer Kunst und Lebensart an den Babenbergerhof [Die Babenberger: 976 bis 1246, residierten in Bamberg danach erst kamen die Habsburger / roester] durch diverse Heiraten mit griechischen Prinzessinnen. Die Träger des Orienthandels über den Balkan mit den Osmanen in der Neuzeit waren Griechen, ebenso die Begründer einer Wiener Institution, des Kaffeehauses. Das kulturelle Leben im 19. Jahrhundert wäre ohne das großzügige Mäzenatentum reicher Unternehmer griechischen Ursprungs um vieles ärmer gewesen.«

Kaffeetrinken: Eine Migrationsgeschichte

Damals existierte kein  eiserner Vorhang und was sie weiter über Handel und Austausch über die Jahrhunderte hinweg schreibt, läßt eher die Vermutung zu, daß in Wien sich wiederholte, was im übrigen Europa bereits geschehen war -daß nämlich die Einrichtung von Kaffeehäusern und die Verbreitung des Kaffeetrinkens eine Migrationsgeschichte ist. Anna-maria Seibel schreibt weiter:

»Nach dem Fall von Konstantinopel 1453 flohen viele byzantinische Gelehrte und Handelstreibende in den Westen und kamen bis nach Wien. Sie waren die Träger des Orienthandels und waren dank ihrer Sprachkenntnisse wichtige Informanten und auch Dolmetscher in der Zeit der Türkenkriege.

Die Überlieferung nennt einen Polen namens Georg Franz Kolschitzky als Gründer des ersten Wiener Kaffeehauses. Als Dank für tapfere Kundschafterdienste während der zweiten Türkenbelagerung habe er die von den Türken zurückgelassenen Säcke mit Kaffeebohnen und die Erlaubnis zur Kaffeeausschank erhalten.

In Wirklichkeit war es „ein gewisser Griech“ Johannes Theodat, später Diodato genannt, der 1685 auf Grund eines Privilegs mit zwanzigjähriger Hoffreiheit den ersten Kaffeeausschank in Wien betrieb. Wie aus einem Hofkommissionsgutachten an Maria Theresia von 1747 hervorgeht, waren es im Jahr 1700 schon vier Griechen, die das Privilegium erhalten hatten, „ Cafée offentlich auszuschäncken“.

Nach dem Frieden von Passarowitz 1718 erfolgte ein neuer Zustrom von Griechen nach Wien. In diesem Friedensvertrag musste der Sultan nicht nur Belgrad, große Teile Serbiens, der Walachei und des Banats abtreten, er musste in einem zusätzlichen Handelsvertrag auch den kaiserlichen Untertanen Freiheit des Handels im ganzen türkischen Gebiet und in der Levante, auf der Donau und auf dem Schwarzen Meer gestatten. Dazu kam die Befreiung der österreichischen Kaufleute von den meisten Abgaben und die Einrichtung von Konsulaten an den wichtigsten Handelsplätzen. Dieser Umstand mag wohl manche griechische Kaufleute dazu bewogen haben, habsburgische Untertanen zu werden, um unter den jeweils günstigeren Bedingungen Handel zu treiben. So zogen viele griechische Handelsleute, meist aus Mazedonien, Epirus, Thessalien und den Ägäischen Inseln nach Triest und Wien, um dort eine neue Existenz zu gründen.«

Diplomarbeit – Anna Maria Seibel: Die Bedeutung der Griechen für das wirtschaftliche und kulturelle Leben in Wien. Am Beispiel der Familie Zepharovich, Wien, 2008.

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Die Wiener Kaffeegeschichte ist sehr reichhaltig und die speziellen Getränke, die Kaffeehäuser und ihre Literaten werden hier noch ausführlich gewürdit

Weiterführendes Material

Zweite Wiener Türkenbelagerung Wikipedia
Kolschitzky bei Wikipedia