Uganda – Ex-Kindersoldaten für die US-Armee

ARD 18.11.2012: Die website von ARD-Weltspiegel informiert über eine zynische Rekrutierungspraxis der US-Armee: Die ausweglose Lage ehemaliger Kindersoldaten in Uganda wird ausgenutzt um sie als billiges Kanonenfutter im Irak einzusetzen:

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Zitat„Wir haben geglaubt, alles wäre sicher“

Doch wer hier anheuert, kennt die Bedingungen am Einsatzort nicht. Einer von ihnen war Ssali Twaha. Er war im Irak stationiert. Twaha berichtet von Toten und Verletzten. „Als sie uns anheuerten, hieß es, wir wären in der gesicherten grünen Zone. Keine Querschläger, kein Beschuss durch Granaten. Wir haben geglaubt, alles wäre sicher“, erzählt er der ugandische Reporterin Rosario Achola. Sie geht dem Schicksal der Irak-Söldner nach. „Ihnen wird ein Monatslohn versprochen, der sechs Mal höher ist als sonst in Uganda. Viele hier haben den Bürgerkrieg miterlebt und deshalb keine Angst“, erzählt die Journalistin.

Twaha muss im Irak in Rettungseinsätze, zum Beispiel wenn der Wachturm unter Beschuss gerät oder der Eingang zum Camp. Dann trifft ein Querschläger das Lager: „Plötzlich hörte ich meinen Kameraden oben schwer atmen und Blut tropfte auf mich runter – durch die Matratze. Es war stockdunkel, ich dachte, er hat ins Bett gemacht. Ich wollte ihn aufwecken. Doch als ich in berührte, war alles voller Blut, und Schaum kam aus seinem Mund“, erinnert sich Twaha.

Fall vor dem US-Gericht

In den USA erfährt Tara Coughlin in ihrer Kirchengemeinde vom Schicksal des schwer verletzten Uganders, der – zurück in seiner Heimat – völlig allein gelassen wird. „Er ist halbseitig gelähmt. Als ich ihn traf, bekam er von der Versicherung weder Invalidenrente noch medizinische Versorgung. Er siechte nur so dahin“, erzählt die Anwältin. Sie bringt den Fall vor ein US-Gericht. Dann melden sich 60 weitere Opfer.

Doch wer vor Gericht zieht, den bedrohen Versicherungsagenten. „Drei unserer Klienten erhielten Morddrohungen – in Uganda und Irak. Anrufe wie ‚Wenn du deine Klage nicht fallen lässt, dann legen wir dich um.‘ Einem anderen Verletzten sagte der Arbeitgeber: ‚Wenn du das meldest, kommst du im Leichensack nach Hause'“, berichtet Coughlin.

Missbrauch von Steuergeldern

Dabei ist das US-Recht auf Seiten der ugandischen Wachsöldner, und die US-Regierung schließt eigens Versicherungen ab. Dafür gibt es Gesetze seit 1941. „Die US-Regierung zahlt hohe Prämien an große US-amerikanische Versicherungen, wie AIG oder CNA, die dann die Mitarbeiter im Ausland im Rahmen dieses Gesetzes versichern. Diese Unternehmen bekommen riesige Summen an Steuergeldern. Und wenn dann ein ugandischer Wachmann verletzt wird, verweigern sie ihm einfach die Zahlung und stecken sich unsere Steuergelder in die Tasche“, sagt die Anwältin Tara Coughlin.

Geld allein ist die treibende Kraft

Ortswechsel. Abschiedsfeier im Armee-Camp im Irak. Ugander müssen gehen, weil eine andere Firma sie ausgebootet hat. Sie liefert den US-Amerikanern Söldner für 400 Dollar im Monat – statt für 1.000. Geld allein ist die treibende Kraft. Und so müssen sie zurück in die Heimat – wo sie das Elend wieder einholt.

Moderne Sklaverei

Dank einer Kampagne erfährt die Welt erst jetzt vom einstigen, brutalen Krieg in Uganda und den Kindersoldaten unter Rebellenführer Joseph Kony. Der Aufschrei ist groß, besonders in Amerika. Auch Journalistin Rosario Achola ist erschüttert: „Die meisten dieser ehemaligen Kindersoldaten wissen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen, wenn der Krieg vorbei ist. Sie finden keine Arbeit und stürzen ab. Darum ist der Job als Sicherheitsmann im Irak oder Afghanistan praktisch die einzige Wahl, die sie haben.“

Auch Moses Dibya war im Irak. Als er krank wird, muss er zurück – gefeuert, ohne Entschädigung. Auch Dibya war einst Kindersoldat der späteren Regierungsgarmee. „Die Leute hier schlagen sich um einen Job im Irak, weil sie die Chance sehen, dort für ein paar Dollar mehr zu arbeiten. Am Ende ist es fast eine Art moderne Sklaverei.“

Von US-Seite gibt es zu diesem Thema keine Stellungnahme, allenfalls Nettigkeiten im Armee-Fernsehen: „Als ich herkam, waren hier überall Ugander. Und je mehr ich sie kennenlernte, desto mehr schätzte ich sie“, erzählt dort ein junger US-Soldat.

Eine Sicherheitsfirma in Uganda. Das Verhältnis zu den Auftraggebern – privaten US-Firmen – ist belastet. Die Amerikaner rekrutieren jetzt wohl in Pakistan. Doch Beschwerden bei US-Behörden sind unmöglich. „Es gilt eine Subunternehmer-Vereinbarung. Wenn die US-Firma herausfindet, dass ugandische Firmen Kontakt zum US-Verteidigungs- oder Außenministerium aufnehmen, dann wird der Vertrag fristlos gekündigt“, erzählt einer der Mitarbeiter einer ugandischen Sicherheitsfirma.

Tote und Verletzte werden ‚outgesourct‘

Uganda – nur das letzte Glied in einem Milliardengeschäft. Laut einer Studie für den US-Kongress sind es vor allem die hohen Gewinnmargen der Firmen für Militärdienstleistungen, die die Kosten in die Höhe treiben – und trotzdem setzt die US-Regierung in Kriegsgebieten auf „Outsourcing“.

Sarah Stillman, Journalistin in den USA, folgt der Spur des Geldes und sie erlebt wie bei einem Anschlag ugandische Söldner sterben: „Es ist doch bemerkenswert, dass jetzt in Afghanistan mehr private Vertragsleute sterben als US-Soldaten. Das gab es noch nie. Dass wir die vielen Toten und Verletzten ‚outsourcen‘ können, bedeutet, dass wir als Demokratie nicht mehr begreifen, was es heißt, sich auf ein solch lebensgefährliches Abenteuer einzulassen – das ist ein hoher Preis, den da wir zahlen.“

„Es ist eine Ironie“

Wahrscheinlich Zehntausende ugandische Soldaten werden von der US-Army für den Krieg ausgebildet. Und sie bringen Opfer: Viele einst als Kindersoldaten, jetzt als Söldner der USA. „Es ist schon eine Ironie, dass ausgerechnet die Nation, die am sich am meisten über Kony und die Kindersoldaten empört, jetzt diese ehemaligen Kindersoldaten ausbeutet, um sie für sich kämpfen und von ihnen beschützen zu lassen, in einem Krieg, der nichts mit Uganda zu tun hat“, sagt Journalistin Rosario Achola.

Autoren: Marcel Kolvenbach und Daniel Satrahttp://www.derroester.de/blog/wp-content/uploads/2009/12/Zitat.png