Warum ist ein Land arm? – Kritik an NGO-Arbeit (2002)

Die Kontroverse um externe Hilfsmittel für Äthiopien zeigt, dass die NGOs nicht immer den richtigen Weg einschlagen – ein älterer FR-Artikel, der aber die richtigen Fragen stellt. Die bekannte Kontroverse um die Arbeit des WWF (Zusammenarbeit mit internationalen Investoren) zeigt die Aktualität des Beitrags. Aus meiner Sicht geht der Beitrag zunwenig auf die Frage ein: Was ist überhaupt „Entwicklung“ – ist es das schlichte Wirtschaftswachstum auf allen Gebieten, die Erhöhung des Bruttosozialprodukts? Eine Frage, die natürlich im Licht der 2016 aktuellen Debatte über „Wachstum“ damals (2002), so noch nicht aktuell war.

Von Ashenafi Gedamu-Gobena. Er ist Äthiopier und hat an der Universität Kassel internationale Landwirtschaft studiert und beschäftigt sich im Rahmen seiner Magisterarbeit mit der Effektivität der Arbeit der NGOs in Äthiopien.

Frankfurter Rundschau vom 23.07.2002

Äthiopien wird in der internationalen Berichterstattung immer wieder als das „ärmste Land Afrikas“ bezeichnet. Ist Äthiopien wirklich so viel ärmer als ähnliche Entwicklungsländer, wie zum Beispiel Somalia? Dies ist eher politisch als ökonomisch begründet. Es sind nicht nur die internationalen Medien, die meistens die Tatsache verschweigen, dass das Land trotz der politischen Unruhen in einigen Grenzgebieten Fortschritte gemacht hat. Auch die Oppositionsgruppen, die im westlichen Ausland leben, betonen stets die Rückständigkeit Äthiopiens. Entwicklung in Äthiopien bedeutet zum Beispiel, dass sich die Versorgung der Bevölkerung mit Elektrizität, sauberem Wasser und Telefonanschlüssen verbessert hat. Das ist in den vergangenen Jahren der Fall gewesen. Außerdem bekamen über 100 000 Soldaten nach Beendigung des Krieges eine Arbeit oder Land, um sich und ihre Familien zu ernähren.

Die zahlreich im Land vertretenen Hilfsorganisationen haben die Verpflichtung, die Entwicklung weiter zu unterstützen. Dies sagt auch ihr Name aus. Die Realität sieht aber anders aus. Die Erfahrungen zeigen: Je mehr Hilfsorganisationen im Land sind, umso weniger ist es entwickelt und umso häufiger wird das Land als „arm“ bezeichnet. Als Beispiel können Bangladesch und Äthiopien mit einer sehr hohen Anzahl von NGOs genannt werden. Warum ist das so? Gibt es hier überhaupt Hilfe zur Entwicklung? Wenn ja, was läuft falsch bei der Entwicklungshilfe in diesen so genannten Entwicklungsländern? Die Antwort ist schwierig, und es scheint, dass das Problem bei den politischen Entscheidungen der Geberländer zu suchen ist.

Ein Beispiel hierfür ist das Missmanagement und der Missbrauch der Entwicklungshilfe. Die lokalen Märkte werden nicht zur Kenntnis genommen oder völlig unterschätzt. Es gibt in Äthiopien immer wieder Jahre, in denen die Erntemenge für die Ernährung der Bevölkerung ausreicht. Es sind dann auch noch Überschüsse für den Export vorhanden. Aber auch in diesen Jahren kaufen die NGOs das Getreide für die unterentwickelten Gebiete nicht in den Überschussgebieten, sondern importieren es lieber aus ihren Herkunftsländern, wo es mit Hilfe von Subventionen produziert wurde.

Tausende von äthiopischen Bauern und Jugendlichen aus den Städten Ambo und Wollega protestierten im März 2002 gegen die sinkenden Getreidepreise in den Regionen mit guten Ernten. Die Bauern haben große Schwierigkeiten, ihre Steuern zu bezahlen und die Kredite für Düngemittel zurückzuerstatten. Das war einer der Gründe für die Protestaktion der Studenten. Nahrungsmittelhilfe kann auch die lokalen Märkte zerstören. Ein großer Teil dieser Nahrungsmittel erreicht nicht die Menschen, die es nötig haben, sondern landet auf den lokalen Märkten, wo sie günstiger als die einheimischen Produkte verkauft werden. Untersuchungen zeigen, dass dies in Äthiopien bei 25 Prozent der Hilfslieferungen der Fall ist.

In den vergangenen Jahren kamen über Hilfstransporte große Mengen billiges Speiseöl ins Land. Die Folge war, dass viele Ölmühlen geschlossen werden mussten, weil sie im Wettbewerb nicht mithalten konnten. Es gibt Stimmen, die sagen, das sei nun mal das Prinzip der Marktwirtschaft. Dies ist eindeutig falsch. Die westlichen Länder schützen ihre Märkte durch Importverbote, und dies wäre auch die Aufgabe der äthiopischen Regierung. Dadurch könnte die Menge der ausländischen Hilfslieferungen reduziert werden.

Die Wirtschaft Äthiopiens ist im hohen Maße von der Landwirtschaft abhängig. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 45 Prozent, während es bei der Industrie zwölf Prozent und bei den Dienstleistungen 43 Prozent sind. Die landwirtschaftliche Produktion wird überwiegend von den kleinen, selbstständig arbeitenden Landwirten erbracht. Ein Großteil der Nahrungsmittelproduktion besteht aus Mais, Gerste, Weizen, Sorghum und Teff. Teff ist eine Getreideart mit sehr kleinen Körnern, die hervorragend an die unterschiedlichen Klimabedingungen Äthiopiens angepasst ist. Eine andere wichtige Nahrungsquelle ist Enset, auch „falsche Banane“ genannt. Die Tierhaltung wird sowohl von sesshaften Bauern als auch von Nomaden betrieben.

Kaffee ist das Hauptexportprodukt und macht etwa 60 Prozent des Außenhandels Äthiopiens aus. Obwohl die Anbaumenge gesteigert werden konnte und auch die Qualität verbessert wurde, sinken die Einnahmen wegen des niedrigen Weltmarktpreises für Kaffee. Dies hat großen Einfluss auf die Wirtschaft Äthiopiens.

Der Getreidehandel erfolgt über ein gut ausgebautes Netz von Händlern. Allerdings gibt es große Schwierigkeiten, das Getreide über weite Strecken aus den Überflussgebieten in ärmere Gegenden zu transportieren. Die Regierung und die Hilfsorganisationen sollten deshalb einen Schwerpunkt ihrer Arbeit in den Ausbau des Straßennetzes und in die Erhöhung der Lagerkapazität für Getreide setzen.
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Dokument erstellt am 27.11.2002 um 13:41:29 Uhr
Erscheinungsdatum 23.07.2002 |