Kaffeekonsum nach 1945

Der Konsum des Kaffees in den Verbraucherländern ist maßgeblich durch die Art der Zubereitung und von Vermarktungs-Strategien der Großröster gekennzeichnet. Hinzu kommen einige Eigenschaften, die für alle Massen-Konsumartikel im Lebensmittelbereich allgemein gelten.
Grundsätzlich sind die Erzeugerländer selbst wenig bedeutend beim Weltkonsum.
Eine Ausnahme bildet Brasilien, das zunächst als “Schwellenland” gehandelt wurde und heute zu den aufstrebenden “BRICS”-Staaten zählt (Brasilien-Russland-Indien-China-Südafrika). Dementsprechend hat sich dort eine Mittelschicht gebildet, die in der Lage ist bedeutende Mengen von im eigenen Land gerösteten Kaffee selbst zu konsumieren. Brasilien ist aktuell (2009) der zweitgrößte Inlandsmarkt für Kaffee nach USA und vor Deutschland. Brasilien ist damit eines der wichtigsten Kaffeeländer, weil es gleichzeitig unangefochten mit 30% der Kaffee-Welternte an Platz 1 der Erzeugung steht.

Kaffeeland BRASILIEN:

Allein in 8 großen städtischen Ballungszentren Brasiliens leben ca. 50 Mio. Menschen, insgesamt sollen über 80% der Bevölkerung von 195 Mio. in städtischen Agglomerationen wohnen. Als Maß für die Entwicklung des Landes kann gelten, daß bereits 2004 nur noch 10% des Brutto-Inland-Produktes (BIP) aus der Landwirtschaft kam, 40% aus der Industrie, 50% Dienstleistung.

Die Geschichte des Konsums ist hier nicht Thema, siehe unter »GESCHICHTE/ Kulturgeschichte«. Die Konsumgeschichte wird hier erst ab 1945 betrachtet.

Konsum in Deutschland: Kaffeesteuer, Monopolisierung, Einheitsbrei

Wesentlich für die Konsumgewohnheiten in Deutschland nach 1945 war u.a. die Kaffeesteuer als Maß für das Preisniveau, die Konzentration der Kaffeewirtschaft insbesondere der Großröster und deren Vermarktungsstrategien.

GRAFIK ::: Kaffee, Mineral-Wasser und Bier in Deutschland 2008

Wie in allen kapitalistisch strukturierten Wirtschaften wohnt auch dem Kaffeesektor eine Tendenz inne, die Produktion zu zenralisieren und zu monopolisieren. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, daß Kaffee das zweitwichtigste Handelsgut nach Erdöl auf dem Weltmarkt ist.

Bis in die neunziger Jahre haben sich weltweit 5 Großröster 50% des Weltmarktes erobert. Tausende kleine Röstereien gaben aus Wettbewerbsgründen auf. Ein Massenmarkt mußte bedient werden. Das führte zu einer beispiellosen Verflachung geschmacklicher Nuancierung und dem Verlust der Wahrnehmung oder überhaupt der Kenntnis einzelner Sorten, Herkunftsländer und Anbaugebiete. Als Vergleich mag Wein dienen: Hier kennt man als Verbraucher seine spezielle Sorte und manchmal sogar den Weinberg und den Winzer.

Kaffee war eben Kaffee und der Tchibo-Mann holt den ins Land.

GRAFIK ::: Kaffeekonsum 1953-2011 pro Kopf und absolut in kg

Kaffeesteuer und CDU-Sieg bei Bundestagswahl 1953

Es ist kaum zu glauben, aber die Senkung der Kaffeesteuer kurz vor der zweiten Bundestagswahl 1953 dürfte einigen Einfluß auf das Ergebnis gehabt haben.

Die Kaffeesteuer  war derart hoch, daß sich ein extremer Schmuggel über die deutsch-belgische Grenze in der Eiffel entwickelt hatte. Sie wurde dann von 10 DM/kg auf 3DM gesenkt, danach explodierte der »legale« Kaffeekonsum. Es wird geschätzt, daß davor jede zweite im Ruhrgebiet getrunkene Tasse Kaffee aus Schmuggelbohnen stammte.

Ein Fernsehbericht von 1953, der im Rahmen der »Jahreschroniken« häufig bereits  auf Doku-Kanälen zu sehen war, zeigt das eindringlich.

Das Video ist gekürzt – 1min25.

Direktlink zum VIDEO Wikipedia: Kaffeesteuer

Kaffee in der DDR

1977 war das Jahr der Kaffeekrise in der DDR. Devisenprobleme der DDR-Führung ließen einen Versorgungsmangel mit echtem Bohnenkaffee entstehen. In dem Buch »Die DDR im Blick der Stasi 1977« (Vandebhoek  & Ruprecht, Göttingen, 2012) wird das so beschrieben:

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Die geheimen Berichte der „Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe“ (ZAIG) des Ministeriums für Staatssicherheit an die Partei- und Staatsführung der DDR sind eine zeitgeschichtliche Quelle von hohem Wert.

Sie wurden von 1953 bis 1989 angefertigt und offenbaren den spezifischen Blick der Stasi auf die DDR: Informationen über Wirtschaft und Versorgung sind dort ebenso zu finden wie Hinweise auf vermeintlich oppositionelles Verhalten sowie Statistiken zum Devisenumtausch oder zu Flucht und Ausreise.

Das Jahr 1977 war bestimmt vom repressiven kulturpolitischen Kurs der SED nach der Biermann-Ausbürgerung. Zahlreiche Künstler, unter ihnen der populäre Schauspieler Manfred Krug, verließen die DDR. Zugleich machten sich die innenpolitischen Folgen der Entspannungspolitik verstärkt bemerkbar: Viele DDR-Bürger stellten unter Berufung auf die KSZE-Schlussakte oder die Charta der UNO Ausreiseanträge.

Unzufriedenheit herrschte auch aufgrund der schlechten Versorgungslage, mit einem Höhepunkt im Sommer während der „Kaffee-Krise“:

Die Bevölkerung machte ihrem Unmut über den Wegfall günstiger Kaffeesorten und die Einführung von minderwertigem Ersatzkaffee Luft. Die Staatssicherheit registrierte diese kleineren und größeren Verwerfungen sehr genau und berichtete der SED-Führung regelmäßig darüber.

Kaffee spielte auch eine enorme Rolle bei den »Päckchen nach drüben«. Ich werde das noch gesondert dokumentieren.

Wikipedia: Kaffeekrise in der DDR

Kleine Kulturgeschichte modernen Kaffee-Genusses

Um einen möglichst gleichbleibenden, einheitlichen Geschmack zu gewährleisten mischen die Großröster alle möglichen Sorten aus x-Ländern und stimmen sie so aufeinander ab, daß “Jacobs Krönung” oder “Tchibo Feine Milde” immer gleich schmecken, obwohl im Frühjahr und im Herbst auf dem Weltmarkt völlig andere Sorten angeboten werden. Was bei Wein als übelste Praktik des Verschnitts gilt, war und ist bei Kaffee die Grundausrichtung.

Als Aufschüttmethode wurde lange Jahre der Filterkaffee bevorzugt, wobei Melitta den 1×6 Gr0ßfilter bereitstellte, um in einem Zug möglichst viel Kaffee-Suppe zu generieren. Dementsprechend war die gängige Kaffeetasse häufig keine Tasse mehr, sondern ein gigantischer Henkel- Becher, damit man möglichst viel auf einmal trinken konnte. Der auf der Warmhalte-Platte verbleibende Rest verströmte bald darauf einen stringenten Säuregeruch, der den hastigen Trinker eintönig umwaberte. Bitterstoffe wurden gebildet, der PH-Wert geriet zum Magenkiller und häufig fanden sich dann Menschen, denen der Arzt das Kaffeetrinken wegen Magensäure-Beschwerden ganz untersagte.

Auf Seiten der Röster entspricht dies der Technik der “High Yield-Röstung”. High yield bedeutet Hochertrag. Die Firma Probat als Weltmarktführer bietet z.B. Röster an, die für Kurzröstungen ab 1,5 min. und einem Ausstoß von 5 t/h geeignet sind. Damit kann man dann den Kaffee außen kurz anrösten aber nicht schonend durchrösten. Dafür braucht man mindestens 10 Minuten und darf nicht mit 600°C arbeiten, sondern nur mit 200-240°C. “HighYield”-Kaffee kann also garnicht ganz durchgeröstet sein, was ihm unverträgliche Gerbsäure und Bitterstoffe beläßt. Solche Kaffees werden in der Regel nur gemahlen verkauft, weil bei dem noch harten Kern haushaltsübliche Mühlen ihren Dienst versagen würden.