Entdecker, Häuptlinge und Ureinwohner

April 2014 – Koloniale Gedächtnisübung – 02

Ein alter Hut  – aber »Wir« haben die Welt nicht entdeckt. Der Westen, seine Forschungsreisenden , Entdecker, Anthropologen, Missionare und Unternehmer und Armeen haben den Globus bereist, erkundet, umschifft, kartographiert, eingegrenzt, benannt, bewertet, besetzt, erobert, bekriegt, besiedelt, aufgeteilt und nicht zuletzt ökonomisch ausgebeutet. Das kollektive Gedächtnis des Westens speicherte das unter der Überschrift »Zeitalter der Entdeckungen« ab.
Das monumentale Entdeckerdenkmal im Hafen der portugiesischen Hauptstadt Lissabon (Foto: Wikipedia)

Das monumentale Entdeckerdenkmal im Hafen der portugiesischen Hauptstadt Lissabon (Foto: Wikipedia)

Die entdeckte Welt und die dort lebenden Menschen existierten Jahrtausende zuvor ohne westliche Kenntnisnahme, hatten ihre je eigene Geschichte, die aber nicht wahrgenommen oder meist an den Rand gedrängt wurde. Den Eintritt in die wirkliche Geschichte erlebten diese Völker angeblich durch die Ankunft der »Weissen«.

Die so geschaffene Hierarchie an Bedeutung schlug sich im 19. Jhdt. in der scheinbar wissenschaftlich fundierten Rassentheorie nieder die sich mit dem Sozial-Darwinismus verband  und letztlich in der Konstruktion einer weissen »Herrenrasse« mündete. Berufen die Welt kulturell zu dominieren und den eigenen ökonomischen Interessen zu unterwerfen. Wer dem nicht folgte oder folgen konnte, war zu schwach und nur Wert, daß er zugrunde ging.

Häufig wird behauptet, diese Sicht der Dinge sei mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 durch die UNO endgültig überwunden – so als ob das langsame Absterben eine Frage der Zeit sei.
Dem ist leider nicht so.

Die Entdecker sind unter uns

Detail Entdecker-Denkmal Lissabon

Unzählige historische Dokumentationen im Fernsehen präsentieren uns immer noch den Westen als Entdecker der Welt. Rassistische und kolonialistische Denke und Strukturen finden sich im Alltag, werden in den Massen-Medien gepflegt und vor allem:

Sie entstehen immer wieder neu.

Schlager, Songs, Karneval, Kinder-und Jugendbücher (KarlMay), Radio-und Fernsehen und auch scheinbar aufgeklärte Presseorgane und das Internet reproduzieren pausenlos rassistische und koloniale Klischees. Die Islamophobie seit 2001 ist nur eine Facette dieser Entwicklung.

Im 19. Jahrhundert begann ein Wettrennen, welche Großmacht sich die wichtigsten Ausgrabungsstätten sichert, um vom Ruhm entdeckter Antike zu profitieren. Napoleon ließ seinen Ägypten-Feldzug von einem Heer von Wissenschaftlern begleiten, die alles an sich rissen und notierten.

Museen als Zeugen des Kolonialismus

Viele Museen in den westlichen Hauptstädten verdanken ihre Existenz kolonialer Plünderung. Wenn Volksgrupppen wie die Nama und Herero aus dem Süden Afrika z.B. die Schädel ihrer ermordeten Verwandten zurückhaben wollen, ist das immer noch ein Problem. Man stelle sich vor, welchen Aufwand und welche Demütigung es für sie bedeutet, daß sie in Berlin antanzen sollen, um überhaupt auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

Einzelne Journalisten versuchen sich dem zu entziehen. Dabei sticht heraus das Buch von Charlotte Wiedemann „Vom Versuch nicht weiß zu schreiben“ (PappyRossa, 2012, Köln):

»Ist weiß eine Farbe? Die Farbigen, das sind die anderen. Weiß ist neutral, ein Gundton, voraussetzungslos. So sind wir geprägt … Nicht weiß zu schreiben, das kann folglich nur ein Versuch sein. Es ist der Versuch, einen Blick auf die Welt zu werfen, der sich von der Enge des Eurozentrismus befreit.

Zum weißen Denken gehört nicht zuletzt, wie wir den Begriff der Mobilität für unseren Lebensstil reservieren – und anderen die Mobilität verweigern. Auf dem Titelblatt dieses Buches streift unser Blick eine Frau in einem malischen Dorf; ihr Sohn hat sich auf die gefährliche, klandestine Reise nach Europa gemacht. Sie ist seit Wochen ohne Nachricht.«

Indigene, Einheimische, Ureinwohner

Diese Worte für Bevölkerungsgruppen, die irgendwo auf der Welt schon lange leben, sind uns vertraut. Ihnen haftet immer etwas von primitiver Rückständigkeit an, der Blick ist der eines Zoobesuchers. Die sind ja ganz nett, aber so wie die leben, haben die keine Zukunft in unserer Welt. Fortschritt und Wachstum müssen her. Der Subsistenzbauer, der vom Ertrag seiner bescheidenen ein oder zwei Hektar Land ohne viel Handel lebt, gilt als Anachronismus. Dabei sind es diese zwei Milliarden Kleinbauern auf der Welt, die noch viel größerere Hungerkatastrophen verhindern, als wir sie sowieso schon haben.

Der Häuptling und sein Stamm

Die Gesellschaftsstrukturen die unsere Entdecker auftaten wurden als urgeschichtliche Stammesstrukturen beschrieben. Dabei waren z.B. die afrikanischen Gesellschaften sehr viel heterogener, weniger hierarchisch und eben ohne einen staatlichen Raumanspruch, der für koloniale Eroberungen Voraussetzung ist. In der Regel griffen sich die Kolonialmächte kooperationsbereite Gruppen heraus, statteten sie mit einem Mandat aus, definierten das gewünschte Territorium und fertig war des Stammeskonflikt. So geschehen etwa in Uganda mit den »Baganda«, die fortan im Namen der Briten alle anderen beherrschen durften.

Aus aller Herren Länder

Das hört man immer noch – speziell bei internationalen Sportereignissen, Olympischen Spielen. Scheinbar ganz multikulturell wird die Sportlergemeinde beschrieben. Dabei stimmt es leider im Kern: Die Länder mit den meisten Teilnehmern sind tatsächlich die Herrenländer – zumindest die ehemaligen, auch wenn sich Machtverschiebungen bereits einstellen.

WIKIPEDIA

TERRA NULLIUS – Niemandsland

Der Begriff Niemandsland (lateinisch:terra nullius) bezeichnet ein Gebiet, das niemandem gehört, also

  • staatsrechtlich herrenlos ist, oder
  • von niemandem besiedelt und gepflegt oder bewirtschaftet wird, oder
  • zwischen den Frontlinien eines Krieges liegt.

Im übertragenen Sinn wird damit auch ein besonders unwirtliches Gebiet bezeichnet.

Im 18. Jahrhundert wurde unter anderem vom Schweizer Völkerrechtler Emerich de Vattel daraus abgeleitet, dass unkultiviertes Land, das keiner anerkannten Macht untersteht, niemandem gehört und man schuf damit quasi eine Rechtsgrundlage für die europäischen Mächte, von „primitiven“ Völkern bewohnte Gebiete zu kolonisieren.