Queen Victoria – Schmerzen einer Geburt und das Opium

  April 2014 – Koloniale Gedächtnisübung – 01  

Die Historie der Anästhesie war Thema im Radio und dabei fiel der Name der englischen Queen Victoria. 64 lange Jahre hatte sie bis 1901 dem britischen Empire als Königin gedient und das »viktorianische Zeitalter« geht auf ihr Konto. Was verbindet man mit ihrem Namen?
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Chlorophorm für die Queen

Das englische Könighaus ist bis auf den heutigen Tag gut für schlüpfrige Berichte, es steht für die in Stein gemeißelte, fest gefügte Hierarchie der britischen Gesellschaft, für Elite, unermeßlichen, Reichtum, Glanz und Gloria. Die Mehrzahl der Berichte, aus denen sich das öffentliche Bewußtsein speist, besteht aus billigen Boulevard-Geschichten über die Selbstinszenierung des »Empire«, seiner Krönungszeremonien, öffentlichen Begräbnisse, bedeutenden Reisen und schließlich die Geburt der dynastischen Nachfahren.

Als Queen Victoria am 7. April 1853 ihr vorletztes von insgesamt 9 Kindern gebar gab es eine medizinische Innovation. Der Arzt John Snow hatte zur Schmerzlinderung bei Operationen mit neuartigen Narkosemitteln experimentiert. Sein gefestigter Ruf als Arzt drang bis ins Königshaus und so durfte er  bei der Geburt des späteren Leopold-George Duke of Albany der Mutter Victoria mit seinem Chloroform beistehen.

Wir wissen natürlich nicht, welchen Betrag John Snow auf seine Rechnung schrieb. Man kann davon ausgehen, daß sein Honorar ihn weder bedürftig zurückließ, noch daß es das Vermögen der Queen allzusehr beeinträchtigte. So war denn beiden geholfen und das Königshaus schrieb sich in den medizinischen Fortschritt ein.

Der Queen schien die aus ihrer Sicht sanfte Geburt gefallen zu haben, denn der Arzt wurde vier Jahre später 1857 noch einmal bestellt und das letzte Kind Beatrice kam zur Welt. Das prominente Beispiel machte Schlagzeilen und die Narkose unterstützte Entbindung war geboren.

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Opium für’s Volk

Ein paar tausend Kilometer östlich machten sich die Briten zeitgleich ebenfalls innovative Gedanken zu narkotisierenden Stoffen. Dabei ging es aber weder um den Fortschritt der Medizin noch darum Schmerzen zu lindern. Im Gegenteil. Es ging um den Rückschritt in die Barbarei und um die exakt kalkulierte Erzeugung von Schmerzen: Die planmäßige Degradation der chinesischer Gesellschaft und Kultur. Das Echo des dadurch ausgelösten Aufschreis hallt heute noch durch Asien – die garnicht sanfte Geburt der Dritten Welt.

Seit langem hatte die britische ostindische Kompanie mit China Handel betrieben. Ihren kritischen Mangel an Barmitteln zum Erwerb von Tee, Seide und Porzellan behob die Kompanie durch den tonnenweisen Export von in Indien hergestelltem Opium nach China. Die verheerenden Auswirkungen dieses imperialen Drogenkartells auf die chinesische Gesellschaft führte zum ersten Opiumkrieg, der 1842 mit dem Sieg der Briten und den ungleichen Verträgen von Nanking endete. China mußte nicht nur die weitere Narkotisierung und regelrechte Verseuchung seiner Gesellschaft dulden, sondern auch Märkte öffnen und Reparationen bezahlen.

Exakt parallel zur letzten Niederkunft von Queen Victoria  fand in Ostasien das Gemetzel des zweiten Opiumkrieges statt (1856-60), den die Briten mit Hilfe ausgefeilter Finessen diplomatischer Gepflogenheiten einläuteten. Peking wurde in der Folge eingenommen, Chinesen massakriert, der Sommerpalast zerstört, Kunstschätze geplündert und als besonderes Beutestück 5 Pekinesen nach Europa verfrachtet. Sie sind die Stammeltern aller heutigen Hündchen dieser Rasse.

Daß diese Zusammenhänge im öffentlichen Bewußtsein des »Westens« keine besondere Rolle spielen ist der narkotisierenden Wirkung einer Herrschafts-Geschichtsschreibung und massenmedialer Verdummung zuzuschreiben.

Queen Elisabeth – die aktuelle – hat es bisher (2014) nur auf 62 Thronjahre gebracht. Vielleicht fällt der Thronrekord der Vorgängerin und wir bekommen nach dem Zeitalter der Victoria ein „elisabethanisches“ Zeitalter serviert als dessen glorreicher Höhepunkt die Entfesselung der Finanzmärkte in der City of London beschrieben werden wird.

Man darf gespannt sein.


 Nachtrag im Januar 2016: Queen Elizabeth hat es geschafft! Sie ist länger dran als Queen Victoria! Wenn sie stirbt empfehle ich die Nachrufe des Windsor-Hofberichterstatters Rolf Seelmann-Eggebert im TV anzuschauen.

book-transp-white-100pxLiteratur:  

Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires – die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens, 2013, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.

Das Buch erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse – Ilija Trojanow hielt die Laudatio.
Orhan Pamuk zu diesem Buch:

»Brilliant. Mishra spiegelt den  westlichen Blick auf Asien zurück. Moderne Geschichte, wie sie die Mehrheit der Weltbevölkerung erfahren hat – von der Türkei bis China.«

Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt – Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, 2004, AssoziationA, Berlin

»Ende des 19. Jahrhunderts zerstörten Dürren ungeheuren Ausmaßes wiederholt die Ernährungsgrundlagen in den Teilen der Erde, die heute „Dritte Welt“ genannt werden. Zwischen 1876 und 1879 sowie zwischen 1896 und 1900 starben in den im Allgemeinen als klimabedingt definierten Hungerskatastrophen und nachfolgenden Epidemien in Äthiopien, Indien, China und Brasilien zwischen dreißig und sechzig Millionen Menschen. Als unmittelbarer Auslöser dieser wenig beachteten, aber ungeheuerlichen Massenvernichtung wurden in der Wissenschaft bisher Wetterphänomene wie El Nino verantwortlich gemacht. Doch die Natur allein ist selten so tödlich.

Mike Davis legt in seiner faszinierenden und einzigartigen „Politischen Ökologie“ des Hungers die Hintergründe zwischen Weltklima und Weltökonomie im imperialistischen Zeitalter frei, die zur „Geburt der Dritten Welt“ führten und bis heute nachwirken. „Wir haben es mit anderen Worten nicht mit »Hungerländern« zu tun, die im Brackwasser der Weltgeschichte ins Abseits gerieten, sondern es geht um das Los der Menschheit in den Tropen, das sich just zu einem Zeitpunkt (1870-1914) änderte, als deren Arbeitskraft und Produkte zwangsweise in die Dynamik der von London gesteuerten Weltwirtschaft integriert wurden. Millionen starben nicht außerhalb des »modernen Weltsystems«, sondern im Zuge des Prozesses, der sie zwang, sich den ökonomischen und politischen Strukturen anzupassen. Sie starben im golden Zeitalter des liberalen Kapitalismus; viele wurden, wie wir sehen werden, aufgrund der dogmatischen Auslegung der orthodoxen Prinzipien von Smith, Bentham und Mill regelrecht ermordet.«