Der Homo Touristicus

Tourismus als »Entwicklungsziel« verändert den Blick auf die Welt – und die Welt selbst. Die ökonomische Dynamik kehrt alle Maßstäbe um.
Was bleibt ist die Wahrheit des Katalog-Versprechens. Einige Überlegungen und Beispiele aus Deutschland, der Türkei und Uganda.

Palmen Afrika Insel Idylle TONTRENNUNG L1200px

Tourismus ist die weltweit am schnellsten wachsende Branche. An der Spitze: Kreuzfahrten! Der Lebenstraum! Einmal eine Weltreise oder an all die exotischen Orte – traumhaft!
Dieser Tourismus ist abhängig von den finanziellen Möglichkeiten wohlhabender Mittelschichten  mittlerweile auch aus Ländern wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Die Zielländer stellen sich in vielerlei Hinsicht darauf ein und wesentliche Zweige der Volkswirtschaft machen sich davon abhängig. In den meisten Ländern des globalen Südens ist Tourismus unumstrittenes Entwicklungsziel der Volkswirtschaft.
Klimawandel, Fluchtbewegungen und Bürgerkriege können so ein Land schnell von der Liste tilgen. Oder einfach der Ölpreis für den Schiffsdiesel und finanziell abstürzende Mittelschichten – dann war alles umsonst.

IMG_9660

Weltweit hat die Mittelklasse im Lauf der Krise 40 Prozent des Privatvermögens verloren. Die 1210 Dollarmilliardäre sind dafür reicher geworden, werden aber nicht für den touristischen Nachschub sorgen. Die über 55-jährigen gut betuchten reiselustigen Rentner, auf die die Tourismusbranche setzt (BAT-Institut-Tourismusanalyse 2013) wird es nicht mehr lange geben. Reduziert sich dieser Markt nimmt die Konkurenz der Zielländer untereinander zu. Der ökonomische Druck auf installierte touristische Infrastruktur wird die staatlichen Tourismusplaner nicht eben zimperlicher machen um für ihr jeweiliges Land vom kleiner werdenden Kuchen ihr Stück abzuschneiden.

Das World-Economic-Forum gibt jedes Jahr den Travel & Tourism Competitiveness Index heraus. Darin werden 139 Länder mit einem Ranking versehen. Jedes Land wird angestachelt in diesem Ranking nach oben zu kommen. Uganda liegt beim Kriterium neoliberaler Regulierung ganz weit vorne (GATS commitments restrictiveness index -Tourism)  auf Platz 12 weltweit. Trotz der daraus resultieren Wachstumsraten von 5-7 Prozent verharrt es beim Human Development-Index auf Platz 161 von 186.

Die Beständigkeit touristischer Einnahmen in Richtung Verbesserung der Lage breiter Bevölkerungsschichten ist also durchaus fragwürdig.


Uganda – Gorillas oder Menschen

.

In den Wäldern des Bwindi-Nationalparks im Südwesten Ugandas wird Gorilla-Tourismus angeboten.

Genau aus diesem Grund wird den dort wohnenden Menschen (»Batwa-People« – Waldmenschen)  die Waldnutzung in traditioneller Weise untersagt. Die Tourismus-Devisen sind wichtiger. Einmal installiert, wird der Tourismus zum Erfüllungsgehilfen der Afrikaphantasien reicher Mittelschicht-Reisegruppen und das Land wird daraufhin zugerichtet. Für die Batwa sind die Gorillas unantastbar. Wenn es so etwas wie Ursprünglichkeit dort zu besichtigen gäbe, dann wäre es die gemeinsame Nutzung des Waldes durch Batwa und Gorillas.

Den Touristen wird aber keine intakte Ursprünglichkeit geboten sondern das dem Katalog entsprechende Segment davon – der Gorilla.

Uganda, Oktober 2007 – Prinz Charles wird erwartet

.

Die Basangora-Nomaden in den Nähe des Queen-Elizabeth-Parks stören den Tourismus durch ihre Rinderherden.

 In einem Monat soll der zweijährliche Commonwealth-Gipfel inklusive Besuch der Queen stattfinden. Es ist der einzige Nationalpark weltweit, der ihren Namen trägt. Prinz Charles und weitere Gäste werden den Park besuchen. Am Parlament in der Hauptstadt Kampala prangt als Expertise der Spruch von Winston Churchill: „Uganda ist die Perle Afrikas“. Es dürfte einmalig in der Welt sein, daß ein Land sich der Aussage eines früheren Kolonisators bedient, um für sich zu werben. Im nationalen Entwicklungsplan »UGANDA 2040« wird zu Beginn gleich das vollständige Gedicht von Churchill abgedruckt, dem die Zeile entnommen ist.
Die PR-Sprecherin der „Uganda Wildlife Authority“ nimmt Stellung, warum die primitiven Nomaden mit ihren langweiligen Kuhherden weder der Royal-Family noch den Touristen zuzumuten sind, die  ihr „hart erarbeites Geld“ für einen „unvergeßlichen Besuch“ im Park ausgeben sollen:

„Wie enttäuscht werden unsere Gäste sein, wenn sie statt Elefanten und großen, prächtigen Büffelherden gemächlich grasende Langhornrinder sehen, die gerade gemolken werden.“

Peinlich, Peinlich! Da hätten die begehrten Touristen ja zu Hause Ferien auf dem Bauernhof  machen können. Der Tourismus, so sagt sie, „muß Investoren anlocken und den Glanz der ‚hard-cash‘-Dollars ins Land spülen“. Und vor allem:
„Viele Ugander haben ihre Flitterwochen dort verbracht und ihren ‚Bang‘ erlebt“ – was durchaus  ganz direkt sexuell verstanden werden darf.

Der Artikel atmet den Geist eines kolonialen Blicks auf die eigenen Landsleute. Da spielt die Hautfarbe keine Rolle. Uganda gilt weithin als Musterschüler des Internationalen Währungsfonds. Die Korruption blüht. Laut IWF ist Uganda in Afrika eines von drei Ländern mit der höchsten Attraktivität für ausländische Investoren.

„Wir können den Commenwealth-Gästen aus aller Welt doch nicht diese Kühe und Hütten präsentieren“.

Australien, Perth, Juli 2012 – der weiße Hai

.

Ein Surfer ist vor den Augen Anderer von einem weißen Hai angegriffen und blutig zerfleischt worden.

Das passiert immer häufiger. Der weiße Hai ist geschützt, es gibt immer mehr davon. Aber Surfen im Revier des Weißen Hai ist ja ein Menschenrecht des Homo Touristicus. Also wird die Forderung laut, die Haie abzuschießen. Denn Perth ist mittlerweile nicht anders denn als Surfparadies vorstellbar. Was will der Hai hier? Wo man nicht surfen kann, kommen keine Touristen, die Investoren bleiben aus, es folgen Stillstand und Niedergang! Wollen wir das?

Hamburg, Juli 2012 – Kreuzfahrtboliden

.

»Legendäre Kreuzfahrtschiffe – …Hafengeburtstag in der Hansestadt (16.07.2012) Tausende beim ersten Doppelanlauf von ‚Queen Mary 2‘ und ‚Queen Elizabeth‘ im Hafen. Das Abendblatt war an Bord der beiden Ozeanriesen dabei.«

So titelte das Hamburger Abendblatt. Der Tourismus in Hafenstädten wählt sich Kreuzfahrtboliden als Attraktion. Innerhalb des Tourismus sind Kreuzfahrten die weltweit am schnellsten wachsende Branche. Die Luxusliner nutzen den Abfall aus den Raffinerien als Treibstoff. Schwimmende Sondermüllverbrennungsanlagen. Sie blasen riesige Mengen Schwefeloxide, Stickoxide, Feinstaub und Ruß aus. Hafenstädte klagen über Smog, wenn die Schiffe vor Anker liegen und ihre giftspeienden Motoren den Hightech-Luxus im Innern mit Energie versorgen.

In der neuen Hamburger Hafencity mußten alle Fenster zur Seeseite hin ausgetauscht werden. Es waren zunächst ganz normale Fenster, die man auch öffnen konnte. Aus Gründen des Arbeitsschutzes für die Beschäftigten darf das nicht sein. Die Emissionen der ankernden Schiffee, besonders der Queen-Mary’s, sind zu heftig. Die Arbeits-und Wohnräume wären zu stark kontaminiert worden, wenn man die Fenster geöffnet hätte.

ausklappen: NABU-Kritik an Kreuzfahrt - Spiegel-online -Freitag, 13.04.2012

    zur NABU-Kampagne zu
Kreuzfahrten »mir stinkt’s«

Istanbul, 2011 – Kreuzfahrthafen

.

Istanbul hat sich dem Ziel verschrieben, noch mehr vom internationalen Kreuzfahrt-Tourismus abzugreifen.

Der Hafen wird kreuzfahrttauglich ausgebaut. Das hat Auswirkungen darauf, wie sich die Stadt für die Kurzzeit-Aufenthalte der Kreuzfahrer aufstellt. In kürzester Zeit muß es möglich sein die ‚hard-cash‘-Dollars in die Stadt zu spülen. Erdogan plant dafür dutzende neue Einkaufszentren.

Eines davon auch im Stadtteil Beyoglu, wo ein traditionsreiches Kino einem Konsumtempel weichen soll.

Die Stadtplaner kamen zu der Überzeugung, daß der ‚Wildwuchs‘ im Szeneviertel Beyoglu nicht mehr kreuzfahrttauglich ist. Den Wirten wurde verboten, weiterhin ihre Tische in den engen Gassen vor die Restaurants zu stellen. Wer einmal dort war, weiß, daß genau dies den unnachahmlichen Charme des Viertels ausmachte. Schnell gingen einige Läden bankrott. Gemeinsame Protestaktionen fanden statt. Das war noch vor den Protesten im Gezi-Park. Er liegt am oberen Ende des Viertels neben dem Taksim-Platz. Eines der Mosaiksteinchen, das die Wut bei den Gezi-Protesten explodieren ließ.

Vor Jahren bereits wurde der Bau einer Moschee auf dem Taksim-Platz verhindert. Er war als Monument und Signal einer islamistisch-kapitalistischen Restauration direkt gegenüber dem Atatürk-Opernhaus geplant.

Der Artikel wird nach und nach ergänzt.
Weitere geplante Themen zu Tourismus:
  • Kreuzfahrt und Tourismus als mobiler Teil von »Gated Communities«.
  • Das Konzept »Unberührte Natur« als touristisch-kolonialer Blick auf die Welt. Dieses Thema ist eng verknüpft mit der Kritik an neoliberalen Konzepten von »Naturschutz« und dessen Indienstnahme für marktwirtschaftlich orientierten Klimaschutz der in der Folge des Kyoto-Protokolls zu einem Milliarden-Business ausgebaut wurden.

Dieser Artikel folgt einigen Gedanken im Buch von Ilija Trojanow »Der Überflüssige Mensch« 2013, Residenz Verlag, (90Seiten) Wien. Leseempfehlung!

DIE OLIGARCHEN SIND UNTER UNS

»Das Geheimnis der großen Vermögen, deren Entstehung unbekannt ist, ist irgendein Verbrechen, das man vergessen hat, weil es geschickt begangen wurde.

Honoré de Balzac, Vater Goriot

Ein Duktus der folgenlosen Empörung hat sich eingebürgert … Wir streiten uns um kosmetische Operationen, statt eine grundsätzliche Heilung anzustreben. … Keines der Regulative der parlamentarischen Demokratie verhindert eine weitere Konzentration des Vermögens in den Händen einer oligarchischen Elite. (S. 42-43)