Kaffee als Schmiermittel der Industrialisierung

 Eine unentdeckte Geschichte? Fragen zur Rolle des Energetikums in der Ruhrindustrie

Die tiefgreifenden Veränderungen in der Ernährungsstruktur im 18.und 19. Jahrhundert in Europa ergaben sich nicht zufällig, sondern als direkte Auswirkungen derselben Triebkraft, die eine Weltwirtschaft entstehen ließ, welche nicht nur die asymetrischen Beziehungen zwischen den Metropolen und ihren Kolonien und Satelliten prägte, sondern auch die enormen technischen und menschlichen Produktions-und Verteilungsapparate des modernen Kapitalismus hervorbrachte.

Sidney W. Mintz/ Univ. Baltimore in
„Die süße Macht – Kulturgeschichte des Zuckers“, 1985

„Durst ist schlimmer als Hunger. Ohne Nahrung kann man ein paar Wochen überleben, ohne Flüssigkeiten nicht mehr als ein paar Tage“, schreibt Tom Standage in seinem Werk  „Sechs Getränke, die die Welt bewegten“ und macht damit eindringlich klar, welch überragende Rolle Flüssigkeiten und später auch flüssige Nahrung für die Menschen spielen.

Zu Beginn der Neuzeit begann der Siegeszug des Kaffees als interkulturelles Getränk, das seine Entstehung suffistischen Ritualen, islamischem Verbot von Gegorenem (Wein) und der Ausdehnung des osmanischen Reiches bis zum Jemen an die Südspitze der arabischen Halbinsel verdankte.

Blechkaffeekannen der Arbeiterinnen in England 1872

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 Cafés – Brutstätten politischer Unrast

Wie alle Kolonialwaren zunächst von der Oberschicht genossen fand er seinen Weg zu den unteren Schichten und war Wegbegleiter des Rationalismus der Aufklärung, flüssige Geistesnahrung der Vordenker und Denker der Moderne in den Kaffeehäusern von Wien, London, Paris, New York und Berlin.

»Die Kaffeehäuser gelten als Brutstätten politischer Unrast« (Habermaas/ Strukturwandel der Öffentlichkeit) – Karl II. von England sieht in ihnen „seminaries of insurrection“[Pflanzstätten des Aufruhrs – wie H.E. Jacob dies übersetzte], später werden sie in Großbritannien liebevoll »penny-universities« genannt.

Mit seiner allgemeinen Verbreitung im Volk wird der Kaffee bedeutende Welthandelsware, Kaffee auf allen Kontinenten, zwei Millionen Sklaven werden allein in Südamerika Opfer seiner Produktion. Als Reaktion auf Napoleons Kontinentalsperre wird der Kaffeeschmuggel zum lukrativen Geschäft.

Helene Amalie Krupp hat nach Lappenbusch ( Essener Historiker) ein gut Teil ihres Kolonialwarenhandels mit den geschmuggelten „Profitbohnen“ bestritten und damit ja bekanntlich die wirtschaftlichen Grundlagen der späteren Industrie-Dynastie bereitgestellt. Ein sehr früher Bezug des Ruhrgebiets zu Kaffee.

Armut und Hunger machten im Mittelalter Wein und Bier häufig zur flüssigen Nahrung. „Einige“ schreibt Brettschneider 1551 „leben mehr von diesem Getränk als von richtigem Essen, alle brauchen es, Männer, Frauen, Alte, Gesunde und Kranke“.

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Anzeige 1921 im »Coffee & Tea Trade Journal« – Quelle: Mark Pendergrast, Kaffee- wie eine Bohne die Welt eroberte, edition temmen, Bremen, 2002.

Biersuppe oder Kaffee?

Doch der mittelalterliche Alkoholrausch mit Biersuppe bereits am Morgen war unvereinbar mit den sich herausbildenden industriellen Strukturen und den sie begleitenden Anfoderungen an die moderne Form der Arbeit. Ökonomie der Zeit, Konzentration und Wachheit waren gefragt und dabei war Kaffee unschlagbar im Vorteil. Von den Osmanen als medizinische Droge in die Welt gebracht wurde er das Schmiermittel industrieller Arbeit: Der Hygieniker Pettenkoffer verglich 1873 Kaffee „mit der Anwendung der richtigen Schmiere bei Bewegungsmaschinen…“.

Der italienische Ernährungshistoriker Montanari: „Auch die bürgerliche Arbeitsethik – keineswegs ein zweitrangiger Aspekt des entstehenden Kapitalismus – fand im Kaffee ein Symbol und einen wertvollen Verbündeten.“ („Der Hunger und der Überfluß“, Rom 1993). „Nüchternheit und Enthaltsamkeit sind Schlachtrufe jeder puritanisch-asketischen Bewegung. Der englische Puritanismus, allgemein die protestantische Ethik, definieren den Kaffee in diesem Sinne und erklären ihn dann zu ihrem Leib-und Seelengetränk.“ (Schivelbusch, 1980)

Als Medizin und Droge nicht unumstritten – diverse Verbote gab es bei bei den Osmanen, in England, Dänemark, Schweden und Deutschland (u.a. Bistum Hildesheim; Friedrich der Große) – haben auch die Arbeiter in Paris „dieses Lebensmittel für wirtschaftlicher, nahrhafter und schmackhafter als alle anderen befunden. Als Folge davon trinken sie es in enormen Mengen und behaupten, daß es sie oft bis in den Abend auf den Beinen halte.“ („Tableau de Paris“, Mercier).

Die Industrialisierung krempelt den Arbeitsalltag um, Kaffee wird zum Getränk der Arbeiter und Arbeiterinnen. Kaffee ist ein für den Arbeitsprozess des Volkes unentbehrliches … Energetikum. Er wurde eine Voraussetzung für Fabriken und Werkstätten (H.E. Jacob, 1934). Daran anknüpfend bemerkt Ulla Heise in ihrer universellen „Geschichte des Kaffees“:
„Kurz nach 1800… trinkt ihn ‚der ärmlichste, elendste Arbeiter täglich’…Der wohlhabende Bürger trinkt ihn am Morgen und am Nachmittag, bei ärmeren Schichten steht er als Universalmahlzeit von früh bis abends auf dem Herd…. In Nordfriesland ernährten sich die Klöpplerinnen um 1830 ‚fast bloß mit Kaffee und Brot’…als letztes Reizmittel für die geschwächten Mägen wurde Kaffee getrunken, der wenigstens für kurze Zeit das Hungergefühl betäubte“.

Kaffeeküchen für die Malocher

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erkannten die Fabrikanten selbst die Segnungen des Kaffees und richteten eigene Kaffeeküchen ein. Man könnte sagen: Das Industrieproletariat wird fit gemacht für den industriellen Arbeitsalltag.

In ihrem Beitrag zu „Kaffee in der Arbeitswelt“ beschreibt Ulrike Thoms, man finde in Berlin aufgrund der starken Präsenz der Kaffeehallen weniger betriebliches Kantinenwesen, „wohl dagegen in den neuen industriellen Zentren z.B. des Ruhrgebiets.“ Als Grund nennt sie die besondere Lage der zugewanderten, oft ledigen, Arbeiter und die großen Entfernungen zwischen Fabrik und Wohnort.

Aus der Sendungsbeschreibung des Films  »Als die Eiffeler noch Kaffee schmuggelten« (WDR 2009):

»Ungefähr zwei Drittel des Kaffees, der in den Jahren 1945 bis 1953 an Rhein und Ruhr getrunken wurde, waren Schmuggelware. Und in den Dörfern entlang der belgischen Grenze war in den ersten Kriegsjahren fast jeder ein bisschen kriminell: Die einen schmuggelten den Kaffee, die anderen genossen ihn beim Kaffeekränzchen. Wegen der hohen Steuer war Kaffee in Deutschland fast dreimal so teuer wie in Belgien, und mit Schmuggel konnte man in zwei Nächten mehr verdienen als mit normaler Arbeit in einem Monat.«

 

FRAGEN zu »Kaffee im Ruhrpott«

  • Wo gab es die erwähnten Kaffeeküchen? In der Industrie, im Bergbau?
  • Welche Rolle spielte Kaffee in der Familie, was kostete er?
  • Wurde Kaffee z.B. im Kruppschen Konsum bewußt günstig abgegeben?
  • Brachten die Arbeiter den Kaffee von zu Hause mit?
  • War im berühmten Henkelmann der Bergleute auch Kaffee?
  • Wann und wo wurden Kaffeeautomaten in den Betrieben eingeführt?
  • Gibt es schriftliche Zeugnisse der Fabrikanten zum Kaffee als Energetikum für den Arbeitsprozess?

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KAFFEEPAUSE: Zwei Kollegen erholen sich bei einer Tassee Kaffee in einer Bielefelder Giesserei 1975 / Quelle: Projektgruppe Arbeiterfotografie Bielefeld, VSA-Verlag »Rationalisierung- für wen?«, Westberlin 1976

Diesen Beitrag

habe ich vor einigen Jahren verfasst. Was die Essener Geschichte angeht fußt er auf einer Doppel-Publikation von Sabine Jecht und Peter Hiedl: »Wie Essen reich wurde – Die Entdeckung der Neuen Welt und die Folgen I. und II.« Hrsg: Forum für internationale Friedensarbeit e.V. Essen, Selbstverlag.

Teil 1 behandelt Kaffee und Wolle, Teil 2 Zinn und Kanonen.

Ein weiterer kurzer Beitrag, der sich mit Krupps Ahnherrin Helene-Amalie und ihrem Kolonialhandel  beschäftigt ist  hier unter der Rubrik  »Stories – all about Coffee« zu finden.

books-01Literatur – Quellen – Hinweise:

pdf_icon Wie Essen reich wurde – Teil 1 – Kaffee-Teil

Der nebenstehende Beitrag wurde auch im Jahr 2010 in der Berichterstattung der WAZ-Ruhrgebiet aufgegriffen:

pdf_iconWAZ/NRZ – Seite 3 Die dunkle Seite der Macht – Der Röster forscht zur Kaffeegeschichte

pdf_iconDer nebenende Artikel inklusive aller Bilder und einige längere Zitate aus der verwendeten Literatur

Dieser Beitrag wurde  im email-Verteiler von „Geschichtskultur-Ruhr“ veröffentlicht. Daraufhin bekam ich folgende Zuschrift:

3.11.2009        Anfrage zum „Krupp – Kaffee“

Hallo Alex Kunkel

Kaffe ist immer eine wichtige Sache. Zu jeder Besprechung in der Firma gehörte auch immer eine gute Tasse Kaffee. Das lockerte die Stimmung auf!

Ich habe in einer Schrift über den „Krupp-Konsum“ von 1952 zwei Fotos über die Kruppsche – Kaffeegroßrösterei in der Hauptverwaltung an der Ostfeldstraße gefunden. An dieser Stelle ist heute das Cinemax. Die Fotos sind in der Anlage.

Im Vorwort von 1868 steht: „– möglichst alle zum Lebensbedarf der Werksangehörigen erforderlichen Gegenstände in möglichst guter Qualität und zu den möglichst billigsten Preisen zu Liefern.“ Zur Hauptstelle gehörten: Lagerhäuser, eine Bäckerei. Eine Fleischerei, Werkstätten und eine Kafferösterei.

Viele Grüße, Günter Napierala

»Die Kaffeerösterei im Kruppschen Konsum in Essen