Rösters Reise-Reportage


Ich bekomme einen Stuhl im Office und mache mir Notizen während ich warte. Um mich herum sitzen alle an ihren PCs und    haben Tabellen vor sich. Zwei Frauen besprechen, was die eine vonihrem Smartphone abliest, die andere gibt die entsprechenden Werte in die Tabellen am Monitor ein. Ich darf mir einen Kaffee aus einer Thermoskanne nehmen. In dem kleinen, einfachen Bürobau steht keine Espressomaschine. Mir kommt der inszenierte Kaffee-Hype in Deutschland in den Sinn: George Clooney macht sexualisierte Werbung für den Global Player Nestlé und empfiehlt die abfallintensiven Alu-Kapseln als Gipfel neuster Technik und des Gourmet-Lifetyles. Man hat sich gegen Nachahmer mit 13 000 Patenten abgesichert und führt dutzende Prozesse

Melitta warb damals mit dem „Bella-Crema-Geheimnis“ für ihren Kaffee und verschwieg , dass er unter dem Einsatz von Tonnen von Pestiziden in Brasilien produziert wird – maschinell geerntet. Ein NDR-Fernsehteam bekommt vor der Konzernzentrale keine Auskunft – sie werden garnicht erst hereingelassen.

Der Tchibo-Einkäufer wird in einer WDR-Reportage überführt, dass er die ausbeuterische Kinderarbeit auf den Plantagen in Guatemala geflissentlich übersieht.

Bis zum Erbrechen wird der Barista als der eigentliche „King of Coffee“ inszeniert. Angeblich schonend geröstete Bohnen werden von ihm in Werbespots und Artikeln zubereitet und zu kunstvollen Kreationen mit Milchschaum verziert. Die Kaffeefarmer sind als lächelnde Exoten kurze Einblendungen wert. Handgepflückt und sonnengereift. Aus bester Lage. Sorgfältig ausgewählte Raritäten.

Ich hole mein „Empfehlungsschreiben“ vom Kaffeechef der GEPA heraus. Hans Wozniak ist mit Willington befreundet und schenkte mir ein paar Zeilen als Türöffner für seinen langjährigen Geschäftspartner. Die GEPA ist das größte Fairhandels-Haus in Europa und macht an die 70 Millionen Euro Umsatz. Knapp die Hälfte davon mit Kaffee. Hinter dem Papier in meiner Hand verbergen sich also tausende Käufer in Deutschland, die 30 Millionen Euro für den GEPA-Kaffee ausgeben. Ich habe ein gutes Gefühl. Wann kommt er endlich?

Plötzlich werde ich in sein kleines Büro gerufen.Von seiner Erkrankung hatte ich schon gehört. Er bewegt sich mühsam und spricht sehr leise – seine Diabetes macht ihm zu schaffen. Ich stelle mich als Fairtrade-Aktivist vor und erzähle von meinen Kaffeeworkshops. Dass wir echte Kaffeebäume haben im Kaffeegarten in der Essener GRUGA und richtig rote Kirschen ernten. Dass ich sie anschließend einfriere, um über‘s Jahr immer welche als Anschauungsmaterial zu haben.

Er kann sich nicht mehr halten vor Lachen. „Kaffeekirschen einfrieren?!“ – er wird mich später seinen Kollegen im Büro als den Mann aus Deutschland vorstellen, der Kaffeekirschen einfriert. Großes Gelächter.

Ich habe mich warmgeredet. Erzähle von meiner Sicht auf das bedeutende Welthandelsgut Kaffee, das seit Jahrhunderten das Schicksal von Millionen Menschen und ganzer Länder bestimmt. Und von meiner Wut auf den oberflächlichen Kaffee-Hype, als ob die Röster und der Barista die eigentlichen „Kings of Coffee“ wären. „Ich bin hier, um die echten Kings kennen zu lernen, die durch ihre immense Arbeit die Grundlage für alles legen, was danach kommt. Kein Aroma kann beim Rösten herausgekitzelt werden, das nicht durch Aufzucht, Anbau und Verarbeitung des Kaffes hier bei euch der Bohne mitgegeben wird. Und dann habt ihr noch die Probleme mit dem Klimawandel. Es wird zu warm, es fällt zu viel Regen zur falschen Zeit, die Qualität ist nicht zu halten, Schädlingsbefall …“.

„Okay“ sagt er und unterbricht mich. „Du kommst morgen früh wieder hier in die Fabrik. Du hast dann für zwei Tage ein Auto und einen Experten als Fahrer, der dir alles zeigt, was du sehen willst“.

Ich war völlig perplex von diesem Angebot und seiner schnellen Entscheidung. Er rief den ausersehenen Guide Collins herein, machte uns bekannt und ich nannte ihm zwei Orte am Berg, die ich gerne besuchen würde. Buginyanya, sehr hoch gelegen auf 2000 Meter, und Peace Kawomera auf 1300 Meter.

Es konnte los gehen. Was würde mich erwarten? Schnell noch die Akkus für die Kamera laden, hoffentlich ist heute Nacht, wie so häufig,  kein Stromausfall.

Morgen früh geht’s zu den Kings of Coffee!  Leider ist im Mai keine Erntezeit für den Kaffee. Aber das werde ich bereits im November nachholen.

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