Rösters Reise-Reportage

Nach dieser Prozedur haben wir aber immer noch nicht die röstfertige Kaffeebohne vor uns. Die grüne Bohne sitzt nämlich in einer sogenannten Pergaminhülle. Deshalb bezeichnet man Kaffee in diesem Stadium der Aufbereitung als „Pergamino“. Äusserlich sieht jetzt alles nach einer großen Ladung Erdnüsse aus – auch der Farbe nach. Entfernt man kurz nach dem Waschen die Pergaminhülle, erscheint die später grüne Bohne zunächst knallweiß weil sie erst getrocknet ihre charakteristische Farbe bekommt.

Der „Pergamino“ wird jetzt auf Trockengestelle mit Siebboden ausgebracht und ganz flach verteilt, damit er gut belüftet ist und der Wind und die Sonne ihre Arbeit verrichten können. Nachts kommen die Gestelle in’s Haus. Sie müssen bei Regen aber auch tagsüber schnell in Sicherheit gebracht werden, denn das führt zu Schimmel und allgemein zu minderer Qualität.

Das ist zunehmend ein Problem. Früher war während der Erntezeit stabileres und berechenbareres Wetter. Höchstens am Vormittag gab es einen kleinen Schauer. Das hat der Klimawandel gründlich durcheinander gebracht. Ich habe erlebt, wie die Gestelle mehrfach am Tag hin und her geschleppt werden mußten. Das behindert natürlich auch die übrige landwirtschaftliche Arbeit. Man darf sich nicht weit vom Haus entfernen, muß immer auf dem Sprung sein, die wertvollen Bohnen nicht erneut durchnässen zu lassen. Kaum sind die Gestelle bestückt wird weiter sortiert. Manche Pergaminhülle ist beschädigt, Bruchbohnen, Schädlingsbefall und Reste des Fruchtfleisches müssen herausgelesen werden.  500 Meter weiter unten am Berg, wo das Klima sich schon stärker verändert hat, brauchen sie statt zwei Wochen bis zu einem Monat für den Trockenprozess.

Wenn dann der nächste Erntedurchgang ansteht und sofort geschält werden muß, gibt es häufig einen Engpaß bei den Trockengestellen. Der halbtrockene Kaffee wird in Säcke gefüllt, im Haus gelagert und später auf Planen wieder ausgebreitet. Der zunächst qualitativ hochwertige Kaffee kann so im Lauf der Aufbereitung Schaden nehmen und reife Kirschen vertrocknen am Baum, weil man weiß, daß die mögliche Menge garnicht verarbeitet werden kann. Alles drastisch verschärft durch den Klimawandel: Mehr Arbeit, weniger Ertrag und schlechtere Qualität.

Als mir das alles nach drei Tagen oben am Berg bei meinen Gastfamilien von Gibson und später bei Francis klar wurde, bekam ich einen großen Respekt vor jeder einzelnen Kaffeebohne, die ich zuhause in meinen Vollautomaten schütte. In jeder Kirsche sind zwei Bohnen. Deshalb die flache Seite. Man nehme zwei geröstete Bohnen, halte sie gegeneinander und stelle sich vor: Irgendjemand da im globalen Süden hat sie bereits auch einzeln zwischen den Fingern gehabt. Bei der Ernte. Und danach beim Verlesen und Sortieren nochmal gewendet, angeschaut, für gut befunden und auf ihre lange Reise über die Kaffeefabrik im Tal bis nach Europa geschickt.

Und hier wird dann Kaffee als Sonderangebot besonders billig angeboten, weil das als probates Lockvogelschnäppchen gilt, damit die Kunden nicht zum konkurrierenden Discounter gehen.

 

Die Reportage wird fortgesetzt